Pony M. – ich, das Migroskind

 

 

 

«Du bisch und bliibsch es Migros-Chind, es Migros-Chind, es Migros-Chind, egal, was passiert.» Dies ist eine Passage aus einem der grossartigsten Texte des Schaffhauser Slampoeten Gabriel Vetter. Schon die Grossmutter habe ihm das gesagt, damals.

Zu Recht. Nicht nur der Röstigraben teilt die Schweiz, nein, auch die Kluft zwischen eben diesen beiden Spezies: dem Migros- und dem coop-Kind.

Ich bin ein Migroskind. War ich schon immer. Ich glaube, auch meine Eltern waren schon Migroskinder, und das wurde mir und meinem Bruder dementsprechend weitergegeben – Migros und ich, das ist also genetisch, sozusagen.

Als ich klein war, gab es in unserem damals 650 Seelen zählenden Dorf noch den Migros-Wagen. Einmal pro Woche fuhr er auf den Platz vor dem Gemeindehaus; ein ausgebauter Lastwagen, in dem – Gott weiss, wie – irgendwie das halbe Sortiment des orangen Giganten Platz fand. WC-Papier, Teigwaren, Bratfett, Pouletflügeli und sogar eine kleine Auswahl an Früchten und Gemüse. Viel wichtiger aber war, dass der Wagen der Dorfbevölkerung als wöchentliche Gossip-Zentrale diente, wo man gerne besprach, «wer mit wem» und wer am letzten Samstag bei der Sammlung schon wieder das Altpapier nicht schön ordentlich gebündelt hatte.

Der Migros-Wagen verschwand leider irgendwann, wahrscheinlich, als wir unseren eigenen Volg bekamen – oder der Volg kam, als der Migros-Wagen verschwand. Eins von beidem. Die letzten Exemplare fuhren im Wallis übrigens noch bis 2007.

Für mich bedeutete das aber nicht, dass Migros als Marke aus meinem Leben verschwunden wäre. Nein, sie begleitete mich und meine Familie weiter. Zwar mussten wir nun jeweils in den rund fünf Kilometer entfernten Kantonshauptort zum Einkaufen fahren, aber wir blieben der Migros treu. Einmal pro Woche sass ich stolz im Kindersitz des Einkaufswägeli und bekam in der ladeneigenen Metzg jeweils ein Wurstrugeli. Highlight! Wurden die Einkäufe samstags erledigt, gab’s Poulet, frisch vom Spiess.

Irgendwann kamen Budget und Cumulus, und Einkaufen verlor für mich den Charme eines Familienausflugs und wurde zu dem notwendigen Übel, das es halt für erwachsene Menschen ist.

Bis heute gibt es aber bestimmte Migros-Produkte, die aus meinem Alltag nicht mehr wegzudenken wären, und die man nur bei der Migros findet. Einmal Migros-Kind, immer Migros-Kind.

Handy Spülmittel zum Beispiel. Keine Ahnung, weshalb, denn ich finde nicht einmal, dass es sonderlich gut riecht. Und auch die orange Verpackung mit der weissen Aufschrift erinnert eher an ein Design aus den 60ern (wo es, seien wir ehrlich, wahrscheinlich auch herkommt), aber ich käme nicht im Traum auf die Idee, ein anderes Spülmittel zu kaufen. Wo Küche ist, da ist auch Handy.

Dasselbe gilt für Glacé. Auch das ist seit 30 Jahren gleich. Aber nicht irgendeins, nein, Migros Stängeli-Schoggiglacé. Das braune mit dem Bären drauf. Dieser Bär ist verknüpft mit zahllosen Sommererinnerungen: durch den Rasensprenger springen, Gummitwist, Hoola-Hoop, Sonnenbrand. Für andere waren’s der Vanilleseehund oder der Erdbeeraffe. Für mich war’s der Schoggibär.

Und dann ist da noch der Eistee. Wissen Sie, welchen ich meine? Migros macht den allerbesten Eistee, den es gibt. Den blauen. Trüb ist er und leicht bitter vom Schwarztee. Er begleitete mich in so manche Schulstunde, auf den Pausenhof, aufs Schuelreisli, an den Sporttag und schliesslich auch in meine WG-Küche während des Studiums. Heute trinke ich ihn eher selten, aber immer, wenn ich von längeren Reisen nach Hause komme, gehe ich in die nächste Migrosfiliale und kaufe mir ein Mini-Tetrapak vom originalen blauen Eistee. Dazu gibt’s einen Cervelat und ein Püürli. Und wenn gerade Sommer ist: Das obligate Schoggibärenglacé.

Ja, man kann sagen, dass Migros-Produkte für mich ein Stück weit Heimat bedeuten. Heimat und Familie. Ich mag das Ursprüngliche daran, das Unprätentiöse. Das Design ist nicht durchgestylt und aufgedonnert wie bei Markenprodukten – dafür ist der Inhalt zuverlässig. Irgendwie bedeutet die Marke Migros für mich «Schweiz»: zurückhaltend, simpel, aber gut und bewährt.

Irgendwie für alle. Für mich und dich.

AH NEI, WART, FALSCH...

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Yonni Meyer aka Pony M.

Yonni Meyer aka Pony M.

Yonni Meyer (*1982) ist Psychologin und arbeitete über Jahre in der Humor- und später in der forensischen Forschung. 2013 eröffnete sie die Facebook-Seite «Pony M.», auf welcher sie Themen wie Liebe, Tod und Gesellschaft humoristisch aufarbeitet


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